Das rassistische Buch

Montag, 30. August 2010
Logo der zweiten Internationalen Eugenik-Konferenz, 1921

Begleitet von Protesten stellte Thilo Sarrazin heute sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vor. Es ist bereits am ersten Verkaufstag das am häufigsten verkaufte Buch des Internetbuchhändlers amazon.com.

Dass Thilo Sarrazin für seine rüden Angriffe gegen Muslime Beifall von Rechtsaußen erhält, überrascht nicht. Manfred Rouhs, der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Pro Deutschland hat dem SPD-Mitglied den Bundesvorsitz seiner Organisation angeboten. NPD-Chef Udo Voigt lud den Bundesbanker ein, "Ausländerrückführungs-Beauftragter" seiner Partei zu werden. Nicht so abwegig wie diese Angebote ist die Wirkung, die Udo Voigt den Thesen des Bundesbankers zuschreibt. Dem ARD-Magazin Report Mainz sagte er: "Unsere Aussagen werden damit salonfähiger und es ist dann auch immer schwerer, Volksverhetzungsverurteilungen gegen NPD-Funktionäre anzustreben, wenn wir uns zur Ausländerpolitik äußern, wenn sich etablierte Politiker auch trauen, das zu äußern."

Politikerinnen und Politiker aller Parteien lehnen Sarrazins Thesen jedoch weitgehend ab. Die SPD-Führung leitete, während die Buchvorstellung noch lief, ein Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin ein. Nur Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) stimme Sarrazin in weiten Teilen zu, "wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte", wie es in der Verlagswerbung heißt. Führende CDU-Politikerinnen und -Politiker haben das Buch verurteilt, auch Roland Koch, der Sarrazin zuletzt noch unterstützt hatte. Nur der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, Hans-Jürgen Irmer, und der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Robbin Juhnke, lobten das Buch des Bundesbankers - in der rechten Wochenzeitschrift Junge Freiheit. Diese ist, ebenso wie die rassistische Internetplattform Politically Incorrect, geradezu begeistert vom Auftreten Sarrazins.

Intellektuelle, die rechtsextremer Ansichten unverdächtig sind, aber regelmäßig aggressiv gegen Muslime polemisieren, nehmen Sarrazin gegen Kritik in Schutz. Der Publizist Henryk Broder etwa klagt über eine von ihm beobachtete "Massenhysterie" und "Hexenjagd". Die Soziologin Necla Kelek nennt das Buch in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen "Befreiungsschlag". Bei der Buchpräsentation auf der Bundespressekonferenz warf sie allen Kritikerinnen und Kritikern vor, sich nicht mit "bitteren Wahrheiten" auseinanderzusetzen und stattdessen den "verantwortungvollen Bürger" Thilo Sarrazin "einen Kopf kürzer" machen zu wollen.

Das antimuslimische Dossier

Dies würde Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung, gewiss von sich weisen. Er hat das Buch gelesen und meint, dass Thilo Sarrazin darin "durchaus sehr viele richtige und notwendige Dinge sagt". Dem Autor wirft Schirrmacher vor, mit einer "Flucht in den Biologismus" einen fatalen Irrweg zu beschreiten, indem er einer eugenischen Politik das Wort redet:

"Mit jeder Seite, die man liest, wird klarer, dass es sich hier nicht um ein bildungsbürgerliches Traktat handelt, sondern um die Etablierung eines völlig anderen Kulturbegriffs. Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, 'Zuchtwahl' und 'Auslese'."

"Das ganze Buch liest sich wie ein antimuslimisches Dossier auf genetischer Grundlage", schreibt, in der gleichen Zeitung, Christian Geyer:

„Kulturell ist bei ihm ein Deckwort für genetisch. Hat man dies begriffen, liest man Sarrazins Sorge um die 'kulturelle Identität', die 'kulturelle Substanz' und den 'Volkscharakter' Deutschlands mit anderen, den richtigen biologischen Augen. Obwohl halb verschwiegen, tritt die These in seinem Buch klar hervor: Die islamische Immigration nach Deutschland muss gestoppt werden – und zwar aus 'letztlich' genetischen Gründen."

Die eugenische Argumentation fasst Bruno Preisendörfer im Tagesspiegel in fünf Schritten zusammen:

  • Erstens: 'Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent angeboren.'
  • Zweitens: Die Hochbegabung konzentriert sich in der Oberschicht, die Mittelschicht bringt gut Begabte hervor, in der Unterschicht ist überdurchschnittliche Intelligenz selten, in der von staatlichen Transferleistungen lebenden Unterschicht schon normale Intelligenz die Ausnahme.
  • Drittens: Die Fruchtbarkeit in der Ober- und Mittelschicht ist zu gering, diejenige in der deutschen wie ausländischen Unterschicht zu groß. Je niedriger der Intelligenzquotient, desto höher die Fertilitätsrate.
  • Viertens: Dies führt zum Sinken der gesellschaftlichen Gesamtintelligenz und zum Steigen der staatlichen Transferkosten.
  • Fünftens: Zur Korrektur dieser Entwicklung müssen die dummen Leute aus der Unterschicht am Kinderkriegen gehindert und die klugen Leute aus der Mittel- und Oberschicht zum Kinderkriegen animiert werden. Des Weiteren ist die Zuwanderung dummer Türken, Araber und Afrikaner zu unterbinden und durch eine gesteuerte Migration gebildeter Menschen aus intelligenteren Ländern zu ersetzen.