"Ich werde mich weiter engagieren"

Montag, 2. September 2013
Heilgard Asmus

Im Interview blickt Heilgard Asmus auf ihre fünfjährige Amtszeit als Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zurück.

Heilgard Asmus, fünf Jahre standen Sie an der Spitze des Aktionsbündnisses, das ist eine lange Zeit. Was hat sich im Umgang mit Rechtsextremismus in Brandenburg in dieser Zeit geändert?

Nach meiner Wahrnehmung gibt es heute eine stärkere Aufmerksamkeit, wenn in Orten rechtsgerichtete Aktionen stattfinden. Es gibt auch mehr Menschen, die nicht schweigen und weg gucken, sondern reagieren – auch, indem sie um Rat fragen und Hilfe suchen. Ich denke, dass sich auch in den kommunalen Verwaltungen etwas verändert hat. Es ist nicht mehr so, dass man nicht laut über Rechtsextremismus reden darf, mit dieser üblichen Begründung, dass das schlecht für den Tourismus ist.

Das ist eine positive Bilanz …

Ja, durchaus! Aber ich will nichts schön reden. Wir haben mit Alltagsrassismus zu tun, der – wie jetzt gerade – neu aufgeheizt wird durch die Diskussion über Zuwanderung.

"Wir haben mit Alltagsrassismus zu tun"

Halten Sie es für möglich, dass es in brandenburgischen Orten eine derart feindliche Stimmung gegenüber Flüchtlingen geben könnte, wie wir das in Berlin-Hellersdorf sehen?

Das halte ich sehr wohl für möglich, wenn ich daran denke, was ich in Gesprächen alles höre. Es kommt sehr schnell das Vorurteil, dass das alles Wirtschaftsflüchtlinge seien, ohne Kenntnis über die Lage in den Herkunftsländern! Da wäre viel zu tun durch Bildung und Aufklärung. Ich höre auch die Frage: Warum müssen die denn gerade zu uns kommen? Es ist schon so, dass es eine Härte gibt, eine verfestigte Ablehnung von Anderen. Ich wünsche mir, dass die Mark Brandenburg offener und freier darin wird, wie sich die Menschen insgesamt zueinander verhalten und besonders im Blick auf Flüchtlinge, die zu uns kommen und Schutz suchen.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass es auch in den Kirchengemeinden Alltagsrassismus gebe.

Das ist in jedem Fall so. Ich kenne Untersuchungen, die uns unschöne Zahlen ins Stammbuch schreiben. Wenn 66 Prozent protestantischer Christen latent rassistischen Aussagen zustimmen, möglicherweise also selbst diesem Gedankengut anhängen, dann ist das eine Gefahr für das evangelisches Profil. Damit müssen wir uns nicht nur verstärkt innerkirchlich beschäftigen, sondern auch mit den Menschen in den Orten, wir sind ja Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Da sollte sich eine gemeinsame Gesprächskultur entwickeln. Die sehe ich im Aktionsbündnis, das ist wirklich ein positives Beispiel.

"Wir brauchen mahnende Stimmen"

Manche Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten in Bündnissen gegen rechts mit. Wirkt dieses Engagement auch in die Kirche hinein?

Ja! Es gibt eine Arbeitsgruppe, in der auch Pfarrerinnen und Pfarrer sind, die zum Teil üble Erfahrungen mit Rechtsextremismus in ihren Orten und Gemeinden gemacht haben und es gibt den Kirchenleitungsausschuss für Integration und Migration. Wir drängen in unserer Kirche, sich mit dem Problem zu beschäftigen. Dadurch kam auch die Schrift Hinsehen – Wahrnehmen – Ansprechen zustande, die wir im Januar 2008 herausgegeben haben. Als Landeskirche brauchen wir diese mahnenden Stimmen.

Sie diskutieren zur Zeit darüber, die Grundordnung der EKBO zu ändern, um Rechtsextreme von Ämtern auszuschließen. Ist das denn notwendig?

Ich gehöre zu jenen, die sagen: Ja, das ist nötig. Ich bedaure sehr, dass unsere eigene Kirchenpresse da nicht genau recherchiert und dadurch den Eindruck erweckt hat, mit der Änderung der Grundordnung würde eine Gesinnungsschnüffelei beginnen. Das ist einer der Vorwürfe. Man muss schon genau hinschauen. Die Grundordnungsänderung betrifft ausschließlich Ämter, ehrenamtliche und hauptamtliche, also Leitungsfunktionen. Eine Mitgliedschaft in einer Gruppierung, Organisation oder Partei, die menschenfeindliche Ziele verfolgt, oder eine tätige Unterstützung, ist nicht vereinbar mit dem Leben nach dem Evangelium. Das ist der Vorschlag. Zwar ist im Vorspruch der Grundordnung das christliche Menschenbild sehr gut definiert und auch die bleibende Verbindung zum jüdischen Volk und damit zum Volk Gottes. Dennoch haben wir ein Problem in Gemeindekirchenräten mit Personen, die eindeutig menschenfeindliche Organisationen unterstützen. So kann eine Gemeinde nicht geleitet werden, das verträgt sich einfach nicht mit unserer Grundordnung.

Zurück zum Aktionsbündnis. Es gab einige prägende Momente während Ihrer Amtszeit, einer war sicherlich der „Neuruppiner Kessel“ 2011. Sie haben damals Kritik an der Polizei geübt, der damalige Innenminister hat auch nicht mit Kritik gespart. Ist der Konflikt beigelegt?

Ich will zuerst auf die Menschen blicken, die in diesem Kessel waren, durch die Polizei erfasst wurden und stundenlang nicht herauskamen. Ich glaube, dass das eine bleibende Erfahrung war, die die Menschen verunsichert hat. Auf der politischen Ebene ist alles ausgesprochen. Es gab eine Bürgeranhörung, das Aktionsbündnis hat viele Augenzeugenberichte gesammelt und einen Bericht veröffentlicht, der viel zur Aufklärung der Geschehnisse beigetragen hat. Darauf stützte sich die Kritik. Bei dem Innenministerium und dem Polizeipräsidium habe ich den Eindruck, dass jetzt viel sorgfältiger und umsichtiger abgewogen wird, wann die Polizei bei Demonstrationen eingreifen muss und wann vielleicht ein Gespräch mit den Veranstaltern besser ist.

Das Aktionsbündnis hatte lange seinen Sitz im Bildungsministerium, seit 2012 gibt es einen eigenen Verein mit einer Geschäftsstelle. Was hat sich dadurch verändert?

Wenn man nicht in eine Landesverwaltung eingebunden ist, kann man freier agieren. Wir machen dadurch deutlich, dass das Aktionsbündnis in der Gesellschaft arbeitet und auch beheimatet ist. In die Geschäftsstelle kommen jetzt mehr Besucher, es gibt Sitzungen und Veranstaltungen. Es hat uns also nicht geschadet, uns vom Bildungsministerium loszulösen. Auf der anderen Seite haben wir jetzt weniger Sicherheit, was die Finanzierung betrifft, da müssen wir mehr dafür tun als früher.

Letzte Frage: Was machen Sie mit der Zeit, in der Sie nicht mehr für das Aktionsbündnis engagiert sind?

Ich übernehme neue Aufgaben innerhalb der Landeskirche, auf die ich mich jetzt vorbereiten muss. Aber auch wenn ich nicht mehr dem Vorstand des Aktionsbündnisses angehören werde, bleibt das Eintreten gegen Ausgrenzung für mich ein wichtiges Thema, für das ich mich weiter engagieren werde.

 

Heilgard Asmus ist Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Der Sprengel Potsdam, für den sie verantwortlich ist, reicht vom Barnim und der Uckermark über die Prignitz bis in den Fläming. Seit 2008 war sie Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Am 1. September 2013 trat sie von ihrem Ehrenamt zurück. Heilgard Asmus wurde 1958 in Lehnin in der Mark geboren, sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Jonas Frykman