Wissenswertes: die Bombardierung von Dresden

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Anlässlich des Jahrestages der Bombardierung Dresdens versammeln sich alljährlich tausende Neonazis in der Stadt. Der Audiobeitrag schildert die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 und wie die Nazis die Zahl der Opfer fälschten.

Wissenwertes über: die Bombardierung von Dresden
Holger Siemann, 2010, 15:00 Minuten. Mitarbeit: Bettina Döbereiner, Sprecherin: Ilka Teichmüller

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Inhalt

Der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller erklärt aus der Entwicklung des Zweiten Weltkrieges, weshalb die Alliierten das Dresdner Stadtzentrum im Februar 1945 bombardierten und warum dieser Angriff eine so verheerende Wirkung hatte. Er schildert, wie die Zahl der Opfer schon ab 1945 aus politischen Gründen manipuliert wurde. Abschließend erklärt Müller, wie die Dresdner Historikerkommission, der er ab 2004 vorsaß, die Gesamtzahl und, in vielen Fällen, die Namen der Opfer der Luftangriffe ermittelte.

Beteiligte

Die Reihe: Wissenswertes

Der Beitrag erscheint in der Reihe "Wissenswertes", in der sich das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Themen widmet, die von Neonazis für ihre Propaganda genutzt werden. Zu jedem Audiobeitrag gibt es ein Informationsblatt.

Weitere Informationen

  • Der Wikipedia-Artikel "Luftangriffe auf Dresden" ist sehr informativ und mit zahlreichen Quellen und weiterführenden Links versehen.
  • Knapp 300 historische Fotos über die Zerstörung Dresdens können auf commons.wikimedia.org angesehen werden.
  • Der Abschlussbericht der "Historikerkommission zu den Luftangriffen auf Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945" wurde, mit einem Online-Kartenwerk und weiteren Materialien ergänzt, am 17. März 2010 fertiggestellt.
  • Die Fälschung der Opferzahlen der Luftangriffe auf Dresden durch das Reichspropagandaministerium und, in der Nachkriegszeit, durch den rechtsextremen britischen Autor David Irving wird auf der Webseite "Holocaust-Referenz" erläutert.
  • Zur Jahrtausendwende lösten die Bücher "Luftkrieg und Literatur" (1999) von Winfried G. Sebald und "Der Brand" (2002) von Jörg Friedrich heftige Diskussionen darüber aus, wie in Deutschland an den Luftkrieg erinnert werden sollte. Auf dem Portal "Bombenkrieg" hat der Verein Historicum zahlreiche Materialien zu dieser Debatte zusammengetragen.
  • 2004 strahlte die ARD die dreiteilige Dokumentation "Der Bombenkrieg 1939-1945" aus. Das unter demselben Titel begleitend erschienene Buch von Rolf-Dieter Müller ist auszugsweise im Internet lesbar.
  • Zahlreiche Romane und autobiografische Werke setzen sich mit der Bombardierung Dresdens auseinander. Einen Überblick gibt "Zeugen der Zerstörung. Die Literaten und der Luftkrieg" (2003) von Volker Hage. Bedeutende Schilderungen sind unter anderen die Tagebücher von Victor Klemperer, der durch die Bombardierung der Deportation entging, sowie die Romane "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug" des US-Amerikaners Kurt Vonnegut, der den Luftangriff als Kriegsgefangener erlebte, und "Das steinerne Brautbett" des Niederländers Harry Mulisch.
  • Für die Versöhnung zwischen Deutschen und Briten spielten die Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry und die Aktion Sühnezeichen eine große Rolle. Freiwillige aus Deutschland halfen beim Wiederaufbau der Kathedrale von Coventry, englische Freiwillige arbeiteten am Wiederaufbau des Dresdner Diakonissenkrankenhauses mit. Vier Nagelkreuzzentren gibt es in Dresden heute, seit 2005 zählt auch die Frauenkirche dazu.
  • Die Geschichte der Städtpartnerschaft zwischen Coventry und Dresden kann auf der Webseite der Stadt Dresden nachgelesen werden.
  • Gegen den Missbrauch des Gedenkens zur Verharmlosung des Nationalsozialismus (Neonazis sprechen vom "Bomben-Holocaust") wendet sich das Bündnis "Dresden nazifrei".

Transkription

Sprecherin Mehr als 1,5 Millionen Menschen fanden im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe den Tod, ein Drittel davon in Deutschland. Besonders das Bombardement Dresdens im
Februar 1945 erhitzt mit seiner Symbolkraft bis heute die Gemüter. Wir fragen nach den militärischen Ursachen und nach sinnvollen Möglichkeiten, mit der Vergangenheit umzugehen. Was zum Beispiel ist von denen zu halten, die das Bombardement mit dem Massenmord an Juden vergleichen und als "Bombenholocaust" bezeichnen?

Rolf-Dieter Müller Ja, das ist natürlich ein völlig unsinniger, auch gefährlicher Begriff, weil er zwei völlig unterschiedliche Dinge in einer solchen Wortkombination verbindet.

Sprecherin Professor Rolf-Dieter Müller ist Wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam.

Rolf-Dieter Müller Es ging darum, den Nationalsozialismus, dieses menschenverachtende, menschenfeindliche System und seine Kriegsmaschinerie lahm zu legen und zu vernichten, nicht die deutsche Bevölkerung ... Die Juden sind nicht freiwillig nach Auschwitz gegangen und das war ja auch nur der Endpunkt einer furchtbaren Geschichte von Diskriminierung, Aussonderung und Massentötung. Es hat den Juden nichts geholfen, sich in ihr Schicksal zu ergeben und sozusagen die Hände hoch zu heben. Die Deutschen hätten dem Schicksal der Bombardierung entgehen können, wenn sie eben kapituliert hätten oder nachdem sie kapituliert haben, war dieser Krieg dann zu Ende.

Sprecherin Begonnen hatte der moderne Luftkrieg bereits 1937 mit der Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch deutsche und italienische Fliegerbomben im Spanischen Bürgerkrieg. Die Angriffe deutscher Flugzeuge auf London und Coventry im Zweiten Weltkrieg, bei denen 43.000 Menschen starben, provozierten die Briten zu "Vergeltungsangriffen" gegen Ostseehafenstädte, die wiederum von deutschen Bombardements vergolten wurden. 1942 entschlossen sich die Briten zu gezielten Angriffen auf die Zivilbevölkerung, insbesondere die Industriearbeiterschaft, um deren Moral zu brechen und ihren Widerstandswillen zu schwächen.

Rolf-Dieter Müller Möglicherweise, so hofften auch manche, dass in der deutschen Arbeiterschaft der Widerstand wachsen könnte, dass es zu einem Aufstand in der Bevölkerung kommen würde, wie 1918, wo eben doch die Revolution in Deutschland selbst dazu geführt hat, dass der sinnlose und längst verlorene Krieg auch tatsächlich beendet wurde.

Sprecherin Den Briten saß die Angst vor einer Wiederholung des blutigen Gemetzels der Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs im Nacken.

Rolf-Dieter Müller Der Verantwortliche auf britischer Seite, den man als "Bomber Harris" bezeichnet hat, hat ja auch dann öffentlich erklärt: Es hat noch niemand ausprobiert, vielleicht kann man doch mit Hilfe des Bombenkrieges einen Krieg entscheiden und beenden, und man braucht gar nicht diese furchtbaren Landkämpfe.

Sprecherin Und die alliierten Luftangriffe blieben tatsächlich nicht ohne Erfolg. Immer wieder wurde die Produktion kriegswichtiger Güter gestört, mussten Betriebe aus Großstädten evakuiert oder unter die Erde verlegt werden.

Rolf-Dieter Müller Die alliierte Bombenkriegsstrategie war eigentlich sehr erfolgreich, was Italien anbelangt; Italien ist ja 1943 aus dem Krieg ausgeschieden, hat bis dahin durch die Bombardierung von Mailand und anderen großen italienischen Städten auch etwas über 20.000 Todesopfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen, hat aber in Italien in der Tat dazu geführt, dass das faschistische Regime gestürzt wurde und Italien aus dem Krieg ausgeschieden ist.

Sprecherin Doch der Weltkrieg eskalierte weiter. Täglich wurden Menschen verstümmelt, ertränkt, erschlagen, und das nicht nur an den Fronten, sondern überall, nicht nur ein paar Wochen, sondern über Jahre. Die Hemmungen, nach drastischen Mitteln zu greifen, wurden geringer. Dabei überschritten die Deutschen stets am entschlossensten die Grenzen der Moral - und als am 18.2.1943 Goebbels mit seiner Rede im Sportpalast den totalen Krieg verkündete, sahen die Alliierten keinen Grund, den Gegner nicht ernstzunehmen.

Rolf-Dieter Müller In der Nazipropaganda waren auch die Arbeiter in den Fabriken Soldaten der Arbeit und die Arbeiter in den Fabriken waren in ihrer Freizeit Hilfswachmannschaften, um französische oder russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in ihren Baracken rings um die Rüstungsfabriken zu bewachen. Sie waren Teil der Kriegsanstrengungen.

Sprecherin Das Flächenbombardement war in der britischen Öffentlichkeit keineswegs unumstritten, aber die Nazipropaganda war Rückenwind für seine Befürworter. Und weil die demokratisch verfassten Engländer sich einfach nicht vorstellen konnten, dass ein Volk wie das deutsche einem Diktator wie Hitler in den Untergang folgen könnte, hofften sie, dass eine Verschärfung der Angriffe einen Erfolg bewirken würde.

Rolf-Dieter Müller Die Flächenbombardements in der Endphase des Zweiten Weltkrieges zeichneten sich zunächst einmal dadurch aus, dass eine sehr große Zahl von Bombern eingesetzt worden sind. Und die kamen nicht nur einmal, sondern mehrfach hintereinander, das ist einfach der Masseneinsatz von großen, schweren Bombern, die auch eine entsprechende größere Last mit sich tragen konnten. Ein weiterer Punkt ist, dass man einfach den Anteil an Brandbomben stark erhöht hat, gegenüber etwa den Sprengbomben, dass daraus ein ganzes System entwickelt worden ist: erst die Sprengbomben, die die Dächer aufreißen, dann kommen als nächstes die Brandbomben, die dann in die geöffneten Dächer fallen und dort, was Menschen dort lagern, normalerweise auf dem Dachboden, die Wohnungen sozusagen anzünden; dann wiederum mehrere Angriffe, die dann dazu führen, dass das Feuer verstärkt wird und einzelne Brandherde sich eben zu einem Flächenbrand, zu einem "Feuersturm" entwickeln können.

Sprecherin Aus heutigem Blickwinkel sieht es so aus, als sei der Krieg Anfang 1945 fast schon zu Ende. Versetzen wir uns aber in die Lage eines Zeitgenossen: Täglich fliegen deutsche Raketen auf London. Am 27. Januar, also zwei Wochen vor Dresden, wird Auschwitz befreit. Mit jedem eroberten Kilometer entdecken die Alliierten neue Spuren des mörderischen Systems von Zwangsarbeit und Vernichtungslagern. Zugleich schürt die Nazipropaganda mit Gerüchten über Wunderwaffen die Angst vor Giftgas und Atombomben. Und die Ardennenoffensive zeigt im Winter 44/45, dass die Wehrmacht keineswegs am Ende ist. In dieser Situation vereinbarten die Alliierten auf der Konferenz von Jalta Anfang Februar 1945 zur Unterstützung der sowjetischen Offensive an der Weichsel weitere westliche Fliegerangriffe, darunter auch die auf Dresden.

Rolf-Dieter Müller Dresden ist zu diesem Zeitpunkt eine der letzten noch intakten Garnisons- und Rüstungsstädte in Deutschland gewesen. Essen beispielsweise, Krupp-Zentrale, haben die Briten zigfach bombardiert, Berlin ist zigfach bombardiert worden; Dresden ist bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend verschont geblieben, was dazu geführt hat, dass kleinere und mittlere Rüstungsproduktionen in die Stadt hinein verlagert worden sind, natürlich nicht ins Stadtzentrum, sondern in die Industriegebiete am Stadtrand.

Rolf-Dieter Müller Es ist in Dresden mit der Kriegsschule eine große Garnison gewesen von über 17.000 Soldaten, die russische Front war ja etwa 100 Kilometer entfernt, Dresden war also eine intakte Drehscheibe für die Ostfront, wo täglich also Nachschub und Soldaten an die Front gegangen ist und aus der Sicht der Alliierten war Dresden eben auch eine wichtige Drehscheibe für die Evakuierung der Nazidienststellen aus Berlin.

Sprecherin Am 13. Februar 45 warfen 244 britische Lancaster-Bomber 900 Tonnen Bomben ab und setzten die Dresdner Altstadt in Brand. Um 1:23 Uhr folgte eine zweite Angriffswelle, die weitere Löschaktionen verhinderte, so dass sich die zahlreichen Einzelfeuer rasch zu einem orkanartigen Feuersturm vereinten. Der starke Luftsog wirbelte auch größere Gegenstände und Menschen umher oder zog sie ins Feuer hinein. Sie verbrannten, starben durch Hitzeschock oder erstickten in den Luftschutzkellern. Wer sich ins Freie retten konnte, war auch dort dem Feuersturm und detonierenden Bomben ausgesetzt.

Rolf-Dieter Müller Dresden ist insofern ein Sonderfall, als Dresden völlig unverteidigt gewesen ist, es gab keine Abwehr. Das heißt, die Bomber konnten völlig ungestört in der Nacht das Ziel mit Radarhilfe anfliegen, es war ein wolkenloser Himmel, es war wie auf dem Manöverplatz, sozusagen. Und Dresden war auf diesen furchtbaren Schlag eben auch schlecht vorbereitet, was den Bau von Luftschutzbunker und Ähnlichem anbelangt.

Sprecherin In Folge der Angriffe wurden 70 Prozent der Dresdner Industriebetriebe beschädigt, mehr als ein Viertel aller Wohnungen zerstört und der Eisenbahnverkehr für zwei Wochen lahmgelegt. Die Zahl der Todesopfer gab der Tagesbefehl vom 22. März mit 20.204 geborgenen Toten an und schätzt, dass sich diese Zahl wahrscheinlich auf 25.000 erhöhen werde. Propagandaminister Joseph Goebbels stilisiert den Angriff zum "Verbrechen der anglo-amerikanischen Luftgangster" und hängt an die offiziell von den Dresdner Behörden genannte Zahl einfach eine Null dran. So wurden aus 25.000 Toten 250.000.

Rolf-Dieter Müller Hinsichtlich der Opferzahlen muss man ja davon sprechen, dass es sich hier um den letzten Propagandaerfolg der Goebbels-Propaganda handelt, weil diese Zahlen von mehreren hunderttausend Toten in die Welt gesetzt worden sind, auch die Gerüchte gezielt gefördert worden sind. Diese völlig überzogenen Zahlen in den sechsstelligen Bereich hinein bis zu etwa einer halben Million, aber auf jeden Fall über 100.000, beruhen eben auf Gerüchten, auf gefälschten Dokumenten. Ich denke, sie kommen der Erinnerung vieler Zeitzeugen ein Stück weit entgegen, weil diese hohe Zahl natürlich psychologisch auch dazu dienen kann, sozusagen, die Größe des eigenen Erschreckens irgendwie auf den Punkt zu bringen.

Sprecherin Die schwedische Zeitung Svenska Morgenbladet vermutete am 17. Februar ´45 "über 100.000" Tote und zehn Tage später schon "näher bei 200.000" Toten - und so wuchsen die gespenstischen Zahlen, bis sie zur propagandistischen Munition im Kalten Krieg wurden. In der DDR hieß es, die Anglo-Amerikaner hätten mit einem militärisch völlig sinnlosen Terrorangriff der Sowjetunion ein zerstörtes Ostdeutschland hinterlassen wollen, im Westen dienten überhöhte Opferzahlen wahlweise dazu, die deutsche Schuld zu verkleinern oder den Pazifismus der Ostermärsche mit einem Symbol namenlosen Grauens zu begründen.

Rolf-Dieter Müller Es gab ja etwas von David Irving, dem mittlerweile verurteilten rechtsradikalen britischen Schriftsteller, der auch ein Buch über Dresden gemacht hat, der diese Dinge aufgegriffen hat. Interessanterweise ist er damals eben für sein Buch auch von DDR-Behörden instrumentalisiert worden, er ist da in Dresden empfangen worden und durfte im Stadtarchiv arbeiten. Es gab also immer eine Lobby sozusagen, eine politisch motivierte Lobby, die diesen Mythos Dresden aufrecht erhalten hat ... wo alle Jahre wieder die politische Veranstaltung vor dem Trümmerberg der Dresdner Frauenkirche abgehalten worden ist, um an den Frieden zu appellieren, und so etwas.

Sprecherin Nach der Wende geriet die Erinnerungskultur der Dresdener in eine Krise. Nazis brüsteten sich, ein Tabu zu brechen, indem sie vom Bombenholocaust sprachen. Im November 2004 wurde deshalb von der Stadt Dresden eine Kommission eingesetzt mit der Aufgabe, eine möglichst verlässliche Gesamtzahl der Getöteten zu ermitteln. Unter der Leitung von Professor Müller zog sie - außer den bekannten Dokumenten - auch bis dahin unberücksichtigte Akten städtischer Ämter, neue archäologische Befunde und Zeitzeugenberichte heran.

Rolf-Dieter Müller Wir haben eben auf der einen Seite versucht, die Opferzahlen von unten her aufzubauen, also zu rekonstruieren, wie die Leichen geborgen, identifiziert, bestattet worden sind. Das war doch in einem größerem Maße möglich, als wir ursprünglich angenommen haben, doch auch die Opfer namenhaft zu machen, also ihnen ein Gesicht zu geben, um von diesem furchtbaren Spiel mit Zahlen, mit Nullen sozusagen, wegzukommen. Wir haben aber gleichzeitig eine zweite Untersuchungsstrategie verfolgt, nämlich von oben her diesen Opferbestand anzugehen und zu fragen: Kann es denn sein, dass es sehr viel mehr gewesen sind, dass es doch in die Hunderttausende geht? Weil manche behaupteten, durch den Feuersturm seien eben viele völlig restlos verbrannt und der Wind hat die Asche in alle Himmelsrichtungen zerstreut ... so dass wir mit statistischen Methoden und mit Nachforschungen zu der Zahl von 25.000 gelangt sind.

Sprecherin Vor aller Augen vollzog die Kommission ihre Berechnungen und schloss aus, dass unter den Grünflächen und in verschütteten Kellern die Asche oder die Überreste von zehn- oder gar hunderttausend Menschen liegen. Die im Feuersturm erreichten Brandtemperaturen reichten in der Mehrzahl der Keller- und Straßensituationen nicht aus, Leichen rückstandslos zu verbrennen.

Rolf-Dieter Müller Damit verbunden war ein Auftrag des Stadtrates herauszufinden, ob es eben alliierte Tieffliegerangriffe auf Flüchtende gegeben hat. Wir haben eine ganze Reihe von ingenieurtechnischen Verfahren angewandt, bis eben hin zur Archäologie, und wir haben keinen Hinweis darauf gefunden, dass es also solche Angriffe im Stadtgebiet gegeben hat.

Sprecherin Im Licht der wissenschaftlichen Fakten kam dem Grauen von Dresden die Grauzone abhanden. Das macht die Schrecken der Vergangenheit nicht weniger schrecklich, aber es erschwert ihre Instrumentalisierung zu unlauteren Zwecken. Parallel zur Arbeit der Kommission näherte sich der Wiederaufbau der Frauenkirche seiner Vollendung.

Rolf-Dieter Müller Der Wiederaufbau zeigt ja eben die Absicht, diese Zeit von Krieg, Hass und Völkermord sozusagen zu überwinden und auch mit den Briten, die ja nun seit Jahrzehnten unsere Freunde und Verbündete sind, über dieses Kapitel der Geschichte, über das die Briten, glaube ich, heutzutage auch nicht mehr glücklich sind, es bereuen gewissermaßen und sehen, dass also Dresden eine Grenzüberschreitung gewesen ist, wie andere Angriffe auch, wie Hiroshima durch die Amerikaner ... so dass wir eine Botschaft der Versöhnung, eine nach vorn gerichtete, in die Zukunft gerichtete Botschaft haben, die sagt: Wir finden uns nicht mit den Folgen von Krieg und Völkermord ab, sondern wir wollen das überwinden, konstruktiv, in dem wir auch den Wiederaufbau betreiben.

Sprecherin Eine Fülle von neuen Filmen und Büchern zum Luftangriff auf Dresden beweist, dass das Kapitel Dresden längst nicht abgeschlossen ist und jede neue Generation auf eigene Weise zur Vergangenheit Stellung bezieht. Die meisten Dresdener lehnen das Gerede vom "Bombenholocaust" ab. Sie wollen nicht Hass und Zwietracht säen, sondern mit ihrem Engagement die Wunden der Vergangenheit heilen und eine Wiederholung des Geschehenen verhindern.